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Sibirski Punk
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Eine kleine Auswahl meiner jouurnalistischen Tätigkeit. Weitere Artikel sind in meinem Archiv zu finden.
I. Die Zeit (Dossier)
Eine Seuche kehrt zurück
Tuberkulose galt als nahezu ausgerottet. Jetzt bahnt sie sich aus der ehemaligen Sowjetunion ihren Weg nach Westen. Eine Reise zu den Krankenlagern von Kasachstan Merle Hilbk
Wäre die biblische Geschichte des Hiob im Jahre 1985 geschrieben worden, es wäre eine Geschichte ohne Gott geworden. Warum, so hätte sich ihr Erzähler gefragt, sollte ein Hiob des 20. Jahrhunderts demütig darauf hoffen, dass ihn ein höheres Wesen von Blattern und Fieber, von Schmerz und Schwäche befreit? Warum, wo doch die Menschheit offensichtlich in der Lage ist, sich selbst zu befreien? Wäre die Geschichte des Hiob im Jahre 1985 geschrieben worden, es wäre eine Geschichte vom Sieg der Wissenschaften über Seuchen und Tod. Aber es wäre die Geschichte eines Pyrrhussieges.
Höchstens 12, 15 Jahre ist es her, als deutsche Mediziner, Biologen und Chemiker eine "Welt ohne Seuchen" prophezeiten. Auch die WHO stimmte in diesen Kanon ein. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann man die alten Plagen ausgerottet oder im Griff habe. Schließlich feierte die Wissenschaft seit Beginn des Jahrhunderts einen Erfolg nach dem anderen. Die meisten Erreger sind identifiziert, es gibt Speziallabore, Antibiotika, Impfstoffe. Und warum sollte es nicht so weitergehen?
Schöne Zeit der Euphorie: "Seuche" war ein Wort, das nur noch in Berichten über afrikanische Notstandsgebiete zu existieren schien. Pest und Cholera galten in den Industrieländern als ausgerottet, Typhus und Diphtherie heilbar. Und Tuberkulose, der quälende, blutige Husten, die Zersetzung der Lunge und der übrigen Organe, das von Thomas Mann im Zauberberg beschriebene, jahrelange Dahinsiechen, die Seuche schlechthin in Europa, die bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die zweithäufigste Todesursache war - selbst sie sollte spätestens Ende des Jahrtausends ganz und gar besiegt sein.
Professor Robert Loddenkemper ist einer, der in dieser modernen Heilsgeschichte eine Hauptrolle spielen könnte. Hunderte von TB-Patienten hat der Chefarzt der Berliner Lungenklinik Heckeshorn in den letzten 20 Jahren geheilt. Er erforschte neue Behandlungswege, engagierte sich im altehrwürdigen "Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose" von 1895 und gilt hierzulande als die Kapazität. Wenn er allerdings Studienkollegen von seinem Fachgebiet erzählte, bekam er mitleidige Reaktionen: "Tuberkulose - wie langweilig. Kriegst du da überhaupt noch Patienten?"
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Loddenkempers Reich liegt, in einem Kiefernwäldchen verborgen, am Ufer des Wannsees. Eine Schranke an der Grundstückseinfahrt trennt die Welt der Gesunden von der der Kranken. Unheimliche Stille liegt über dem Gelände, kein Mensch ist zu sehen. Wenige Meter hinter dem Eingang modern Baracken mit lang gezogenen Balkonfronten vor sich hin. Tuberkulosekranke verbrachten hier früher ihre nachmittägliche "Liegekur". Die Baracken werden nicht mehr gebraucht. Gerade 20 Tuberkulosepatienten werden derzeit im Haupthaus, einem dunklen 70-Jahre-Klotz, behandelt. Die meisten kommen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, viele sind Alkoholiker oder Drogenabhängige.
Dabei konnte Heckeshorn, das nach dem Krieg in diesen Gebäuden einer alten Fliegerschule entstand, einst gar nicht genug Betten haben. Eine Baracke nach der anderen wurde angebaut, jedes Zimmer voll gestopft mit eisernen Bettgestellen. Fotos von ausgezehrten Kinderkörpern und Blut spuckenden Elendsgestalten erinnern heute im Flur an die Zeit, als die Krankheit in Berlin epidemische Ausmaße angenommen hatte. In der Enge der zerbombten Quartiere fanden die Tuberkulosebazillen, die mit dem Sputum, gelblich-zähem Bronchialschleim, übertragen werden, ideale Vermehrungsbedingungen vor. Die ersten gesicherten Daten 1950 sprechen von 110 Todesfällen pro 100 000 Einwohner.
Von da an sank die Zahl Jahr für Jahr. Gesündere Nahrung, trockenere, hellere Wohnungen, Seuchenüberwachung durch die Gesundheitsämter und vor allem eine breite Palette von Antibiotika sorgten dafür, dass die Schrecken der Tuberkulose in Vergessenheit gerieten. In den achtziger Jahren starben in der Bundesrepublik pro 100 000 Menschen höchstens noch drei an dieser Krankheit. Eine moderne, eine wunderbare Heilsgeschichte. Aber eine kurze.
Die Seuchen kehrten zurück, als Anfang der neunziger Jahre das alte Gefüge der Welt zerbrach. Die Mauer fiel, die Sowjetunion löste sich auf, auf dem Balkan tobte ein blutiger Krieg. Hunderttausende Menschen strömten nach Deutschland auf der Flucht vor Not und Krieg. Und im Gepäck der von Hunger, Kälte und Krankheiten Geschwächten reisten längst vergessene Plagen ein in die deutsche Wohlstandsgesellschaft.
1990 beobachtete das Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose erstmals wieder einen Anstieg der Neuerkrankungen: Bei 14 000 Menschen wurde eine Form der Tuberkulose diagnostiziert - 1500 Fälle mehr als im Jahr zuvor.
Eine abgebrochene Behandlung ist schlimmer als gar keine
Und die Zahlen steigen weiter. Das allein, sagt Chefarzt Loddenkemper, habe ihm "noch keine schlaflosen Nächte" bereitet: "Ein böses Gefühl hatte ich erst, als immer mehr Patienten auftauchten, bei denen unsere normale Therapie nicht mehr anschlägt."
In der Regel nehmen Patienten in Deutschland sechs Monate lang vier verschiedene Antibiotika gleichzeitig ein. Danach sind alle Erreger vernichtet. Inzwischen aber gibt es TB-Bakterien, die ihre Gestalt so verändert haben, dass sie den Angriff der Medikamente überleben. Sind diese Erreger gegen mindestens zwei Substanzen, Isoniazid und Rifampicin, resistent, so sprechen Mediziner von "Multiresistenztuberkulose". Deren Behandlung - mit seltenen Ersatzmedikamenten - ist riskant und schwierig: Die Therapiekosten steigen um das Hundertfache, die Behandlungsdauer verlängert sich auf fast zwei Jahre mit grausamen Nebenwirkungen wie Gehörschäden, Depressionen und Psychosen - sofern die Therapie überhaupt anschlägt. Die Hälfte der Patienten stirbt.
In den letzten drei Jahren hat sich in Deutschland die Zahl der Tuberkulosekranken mit Multiresistenzen verdoppelt. Über 40 Prozent von ihnen kommen aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion als Spätaussiedler, Wanderarbeiter, Flüchtlinge. "Wir leben im Zeitalter globaler Mobilität", sagt Osama Hamouda, Epidemiologe am Berliner Robert-Koch-Institut. "Bakterien sind von keiner Passkontrolle oder Zollschranke aufzuhalten." Und Tuberkulosearzt Loddenkemper warnt: "Die Resistenzlage in Hochrisikogebieten wie Kasachstan ist eine tickende Zeitbombe."
Es ist, als ob sich ein lautloser Eroberer das Land untertan machen wolle. Ein Teufel in Bakteriengestalt, der durch die kasachische Steppe zieht, die schneebedeckten Gipfel des Altai erklimmt, hinabfährt an die Ufer des Aralsees, weiter und weiter strebt, über die Grenze nach Usbekistan, auf der Seidenstraße bis an den Ort, wo nach alten Überlieferungen das Siechenhaus des Hiob gestanden haben soll, knochige, wächserne, Blut spuckende Menschenbündel zurücklassend, unbestellte Felder, verfallende Hütten, Leid und Tod. Die Tuberkulose hat Kasachstan fest im Griff. Das riesige, dünn besiedelte Land in Zentralasien, das bis 1991 Teil der Sowjetunion war, hat eine der höchsten Erkrankungsraten der Welt. Die Zahl der Patienten hat sich seit der Unabhängigkeit mehr als verdoppelt, in einigen Regionen ist jeder 30. betroffen. Über ein Fünftel von ihnen trägt kaum noch therapierbare multiresistente Erreger in sich. Selbst die Kühe leiden an Tuberkulose. Hunderte von Menschen haben sich in den vergangenen Jahren durch unpasteurisierte Milch infiziert.
Die Bakterien haben leichtes Spiel in dem verarmten Land: 73 Prozent der Einwohner leben nach einer Studie des Roten Kreuzes unterhalb des Existenzminimums. Viele Felder liegen brach, es gibt kaum Saatgut, keine Ersatzteile für die Maschinen, kaum Geld für Transportfahrzeuge und Benzin. Viele Dörfer haben kein sauberes Wasser mehr, die rostigen Leitungen sind geborsten; vielen wurde der Strom abgeklemmt. Die Netze gehören jetzt großen ausländischen Firmen. Manch ein Haus hat keine Dielen mehr - auch das Heizmaterial ist knapp. Alte und Schwache sterben im Winter an Auszehrung und Kälte.
Riesige Areale rund um den Aralsee, in Semipalatinsk und Karaganda, durch sowjetische Atomversuche radioaktiv verseucht und von Schwermetallen vergiftet, wurden zu ökologischen Katastrophengebieten erklärt. Die Flüsse sind ausgetrocknet, der Wind bläst giftigen Staub über die Dörfer. Fast alle Kinder aus diesen Regionen haben ein zerstörtes Immunsystem, nahezu jeder zweite Einwohner ist ernsthaft krank. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist landesweit um fünf Jahre gesunken. Kaum einer erreicht das Rentenalter.
"Was ist das nur für eine Zeit, in der man zusehen muss, wie ganze Familien dahinsiechen?" Kurmangazy Beg Ali deutet auf die knöchernen Gestalten, die auf dünnen Schaumgummimatratzen vor sich hin dämmern: "Schauen Sie sich das an! Ich fühle mich machtlos." Kurmangazy ist Direktor des Illy-TB-Hospitals, ein kleiner Mann mit faltiger, olivfarbener Haut und Goldzähnen, die bei jedem Lächeln aufblitzen. Und für Besucher lächelt er gern - ein Zeichen seines Stolzes: Seht her, ich habe ausgeharrt. Schon zu Sowjetzeiten war er Arzt in diesem Krankenhaus in Akshi, einem Dorf in der Steppe, 170 Kilometer von Alma-Ata entfernt. Die TB-Klinik mit ihren 100 Betten ist die einzige des Distrikts, und der Distrikt ist groß, 100 Kilometer im Durchmesser. Sooft die löchrigen Straßen passierbar sind und das Benzin im Tank seines Jeeps reicht, fährt Kurmangazy durch die Dörfer, um Tuberkulosepatienten einzusammeln. Der Jeep ist der einzige Krankenwagen in der Region, höchstens einmal im Monat kann der Chefarzt in jedem Dorf Visite machen.
So treffen die meisten Tuberkulosekranken erst im fortgeschrittenen Stadium in Akshi ein - dann, wenn bereits Teile der Lunge und der übrigen Organe sich in eine käsige, funktionslose Masse verwandelt haben. Ein qualvolles Sterben: zwei bis fünf Jahre lang wird der Körper regelrecht aufgezehrt. Erst dann gibt er auf. Kaum einer der Neuankömmlinge im Illy-TB-Hospital wiegt mehr als 45 Kilo, kaum einer kann die Tasche mit seinen Kleidern allein tragen. Es sind nicht, wie in Deutschland, die Alten, die von der Krankheit getroffen werden, es sind junge Männer, Familienväter, Ernährer ganzer Sippen.
Auf Station eins liegen die harten Fälle, die Bakterienschleim aushusten, hoch ansteckend und so geschwächt sind, dass sie nur noch vor sich hin dösen. Ein süßlicher, beißender Hauch liegt in der Luft, ein Übelkeit erregendes Gemisch aus Desinfektionsmitteln und Fäulnis. Vom Korridor aus geht der Blick durch Glasfronten in die Zweibettzimmer. Die Patienten in den eisernen Bettgestellen sehen aus wie Greise: die Brust knochig, die Glieder dünn wie Stöcke, das Gesicht verzerrt zu einer Fratze des Leids. Und doch ist kaum einer älter als 40 Jahre.
Wer wieder aufstehen und am Tisch essen kann, der bittet den Doktor, ihn so schnell wie möglich nach Hause zurückzuschicken, denn dort bleiben die Felder unbestellt, die Äpfel ungeerntet, das Brot ungebacken. Frau und Kinder hungern. Supermärkte gibt es nicht in der Steppe, Geld von einer Sozial- oder Krankenversicherung auch nicht mehr seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. "Kaum ein Kranker traut sich noch zum Arzt", sagt Kurmangazy. "Jede Behandlung, jedes Medikament muss man privat bezahlen." Operationen kosten über tausend Dollar. Die Tuberkulosetherapie ist zwar kostenlos, doch das wissen nur Wenige auf dem Land. So wenden sich viele in ihrer Not an die Schamanen, die seit dem Zusammenbruch des kasachischen Gesundheitssystems wieder viel zu tun haben.
Das National TB-Institute hat sich dafür eingesetzt, dass nun ein Großteil des kaschischen Gesundheitsbudgets zur Tuberkulosebekämpfung eingesetzt wird. Doch den meisten Krankenhäusern mangelt es an Medikamenten. Mehr als zwei, drei verschiedene Antibiotika lagern selten in den Schränken, Schmerzmittel, Infusionen und sterile Spritzen sind Mangelware. Die kasachischen Arzneifabriken sind geschlossen, und die europäischen Pharmafirmen ziehen sich zurück. Die Gewinnmargen seien zu niedrig, teilt der Bayer-Vertreter in Alma-Ata mit: "Investitionen in die Forschung und Markenqualität werden hier nicht geschätzt."
So werden immer mehr Medikamente eben aus Russland und China importiert - sie kosten oft nur die Hälfte, aber ihre Inhaltsstoffe werden kaum kontrolliert. "Da tauchen so genannte Antibiotika auf, deren Wirkstoffgehalt zu niedrig ist, die sich im Körper nicht schnell genug auflösen oder wiederum mit Bakterien verunreinigt sind", erzählt Friedrich von Massow, Apotheker und freier Consultant für Entwicklungszusammenarbeit, der sich seit Jahren mit der Tuberkulosebekämpfung in der ehemaligen Sowjetunion beschäftigt. "Gerade solche Medikamente sind nicht zuletzt für die Entstehung von Resistenzen verantwortlich."
Kurmangazys Klinik ist eine Ausnahme. Drei Jahre lang hat die Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières (MSF) Antibiotika aus Europa geliefert, Schmerztabletten, sterile Spritzen, Mundschutz und Desinfektionsmittel. Sie kümmerte sich um die Weiterbildung von Krankenschwestern und Feldschern, wie die medizinischen Assistenten in den Dörfern heißen, die potenzielle Tuberkulosepatienten in die Klinik schicken und sich nach der Entlassung darum kümmern, dass die Kranken regelmäßig ihre Medikamente einnehmen.
Die grenzenlosen Ärzte sorgten dafür, dass das Sputum, der Bakterienschleim der Patienten, in ein Speziallabor nach Belgien geschickt und dort auf Resistenzen untersucht wurde. Es gab Toiletten, Strom, Wasser. Die Klinik hatte Autos, Fahrer, und die Küche lieferte täglich vier Mahlzeiten für die ausgezehrten Kranken - ein kasachisches Vorzeigehospital. "4000 Kalorien, die Hälfte davon aus Brot", sagt Kurmangazy stolz, "so viel konnte kein anderes Krankenhaus bieten."
Ende September hat sich MSF aus Akshi zurückgezogen. Niemand erklärt, warum. Es heißt, die Organisation habe dort eine Tuberkulosestudie erstellt, und die sei nun abgeschlossen. Vielleicht gab es auch Streit mit dem Chefarzt, der zwar die Hilfe des Westens gern in Anspruch nahm, vor Kollegen aber das alte sowjetische Behandlungssystem lobte: Massenuntersuchungen mit mobilen Röntgenwagen, einjährige Krankenhausbehandlung, Herausschneiden der befallenen Lungenteile.
Ungewöhnlich ist ein solcher Rückzug nicht. Auch die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) löste ein großes Tuberkuloseprojekt in Georgien auf, andere Organisationen beendeten ihr Engagement in Afrika.
Das Medikamentenlager des Illy-Hospitals reicht noch für ein paar Monate. Was dann wird, weiß Doktor Kurmangazy nicht. Vielleicht schickt eine Hilfsorganisation neue, vielleicht auch nicht. "Dreieinhalb Jahre haben wir im Reichtum gelebt. Jetzt ist es umso schwerer, wieder mit fast nichts auszukommen."
Tuberkuloseprojekte aufzulösen sei eine heikle Sache, warnt der Pharmazeut von Massow: "Eine abgebrochene Behandlung ist schlimmer als gar keine." Ein Tuberkulosekranker, der eine Behandlung abbricht oder nur noch mit einem oder zwei Antibiotika behandelt wird, läuft Gefahr, resistente Bakterienstämme heranzuzüchten.
Die Bazillen fechten im Körper einen regelrechten Verdrängungskampf aus: Jeder Erkrankte trägt viele Tausende Bakterien mit unterschiedlicher Empfänglichkeit für Antibiotika in sich. Vernichten Antibiotika nur einen Teil, haben die anderen, die sich ansonsten möglicherweise kaum vermehrt hätten, plötzlich ausreichend Nahrung und Raum zum Wachsen. Je schmaler die Bandbreite der verabreichten Antibiotika ist und je öfter die Einnahme unterbrochen wird, desto größer ist die Chance, dass sich resistente Stämme erholen und im Körper ausbreiten können.
Patienten mit Multiresistenztuberkulose haben in Kasachstan geringe Überlebenschancen. Die kostenträchtigen Ersatzmedikamente sind in kaum einem Krankenhaus erhältlich. Die Kliniken haben kein Geld: Der Staat hat das Budget für die Gesundheitsfürsorge in den letzten vier Jahren um die Hälfte gekürzt. Etwa sieben Mark im Jahr stehen jedem Einwohner für Medikamente, Arztbesuche und Krankenhausbehandlung zur Verfügung. Zum Vergleich: Deutsche Krankenkassen erstatten allein für die Behandlung eines einzigen Multiresistenzpatienten bis zu 250 000 Mark.
Die neuen Reichen, die im S-Klasse-Mercedes durch die Plattenbausiedlungen von Alma-Ata brausen, fliegen zur Behandlung nach Europa und Nordamerika, ebenso die Botschaftsangehörigen und Mitarbeiter westlicher Firmen. Selbst Regierungsmitglieder lassen sich im Ausland behandeln.
Unvorstellbar für Tursenay Alibirkowa: "Bei uns schaffen es die Leute kaum bis zum nächsten Hospital." Sieben Kinder hat die 45-Jährige zur Welt gebracht und allein aufgezogen. Der Mann ist verschwunden, sie selbst todkrank. Als sie sich nicht mehr aus dem Bett erheben konnte, hat ihre älteste Tochter sie in einen Karren gesetzt und zur Karaspan TB-Dispensary geschoben, einem Krankenhaus in der Nähe der Stadt Shimken, mehrere Tagesmärsche von ihrem Heimatdorf entfernt.
Tursenay Alibirkowa hat Tuberkulose im fortgeschrittenen Stadium. Ob die Erreger in ihrer Lunge multiresistent sind, weiß noch niemand - in der Dispensary gibt es kein Labor, um die Sputumkulturen zu testen. So müssen die Ärzte ihr auf gut Glück Antibiotika verabreichen. Dreimal pro Tag bekomme sie zwei verschiedene Tabletten mit zwei kombinierten Wirkstoffen, flüstert sie hinter einem ausgebleichten Mundschutz. Ob die ausreichen, wird erst nach Monaten festzustellen sein - Tuberkulosebazillen lassen sich Zeit.
Die weiß verputzten Baracken der Karaspan Dispensary liegen fernab von jeder menschlichen Ansiedlung zwischen wilden Apfelbäumen. In der ersten Baracke steht ein Mikroskop, mit dem die Erreger identifiziert werden sollen. Doch die Lampe des Mikroskops funktioniert nicht, seit 1996 gibt es nur noch selten Strom in Karaspan. In der zweiten Baracke liegen die Patienten, vier bis sechs in einem Zimmer. Blank gescheuerter Holzfußboden, geblümte Laken, ein Nachtkästchen. Kartenspiele als einzige Ablenkung. Im Winter kühlen die Zimmer aus. Die Toilette ist ein "Donnerbalken" am Feldrain.
Das kasachische Pflegepersonal wechselt die Schutzmasken nur einmal pro Woche, die gebrauchten werden hinter dem Haus verbuddelt, andere, mit Chlorin desinfizierte Abfälle verbrannt. Dabei steigen giftige Gase auf. "Natürlich herrschen hier andere Bedingungen als in Akshi", sagt Peter Metzger, Head of Mission Kasachstan von der Hilfsorganisation MSF, die in Shimkent ein Tuberkuloseprojekt aufgebaut hat. "Karaspan ist ein einfaches Landhospital."
Durch das Fenster von Tursenay Alibirkowa weht Küchengeruch. Das Essen ist nahrhaft: Kartoffeln, Hammelstücke, Brot und selbst gemachtes Apfelkompott. "Eigentlich möchte ich hier gar nicht wieder weg", sagt die siebenfache Mutter, während sie den bei Besuchen vorgeschriebenen Mundschutz festbindet. "Fleisch! Duschen! So einen Luxus hatte ich nie."
Seitdem die Médecins Sans Frontières auf dem Grundstück der Dispensary ein Duschhaus gebaut haben, ist die Rate der Therapieabbrecher um 20 Prozent zurückgegangen. Mitarbeiter berichten sogar von Obdachlosen, die sich bewusst angesteckt haben, um den Winter nicht auf der Straße verbringen zu müssen.
Zwei Monate müssen die meisten Kranken hier verbringen, härtere Fälle vier. Danach husten sie in der Regel nicht mehr und sind nicht mehr ansteckend. Doch so lange halten vor allem Männer in Karaspan nicht durch. Über die Hälfte von ihnen sind Trinker. Sie stehlen sich davon, um im nächsten Dorf Wodka zu kaufen oder daheim die Kartoffeln zu ernten - und infizieren Frauen, Kinder, die ganze Familie.
Aber auch wer bleibt, ist noch nicht geheilt. Fünf Monate Nachbehandlung zu Hause folgen. Dabei müssen sie täglich unter Aufsicht ihre Antibiotika einnehmen. Familienmitglieder werden über die Übertragungswege der Tuberkulose aufgeklärt und, wer Symptome entwickelt, zum Arzt geschickt.
Diese von der Weltgesundheitsorganisation entwickelte Behandlungsstrategie, DOTS genannt, wird im Westen als "wichtigster Durchbruch in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge" gefeiert. Mit ihrer Hilfe, so verkündete die WHO, könne die Zahl der Tuberkulosetoten um ein Drittel gesenkt werden - von drei auf zwei Millionen.
1998 führte Präsident Naserbajew die WHO-Strategie per Gesetz in Kasachstan ein. Das sei eine rein finanzielle Entscheidung gewesen, glaubt Elie Nduwamahoro, ein Mitarbeiter von Médecins Sans Frontières, der in Akshi an der Tuberkulosestudie mitgearbeitet hat: "Das Gesundheitsbudget hier reicht gerade, um ein paar tausend Fälle zu behandeln. Wenn die kasachische Regierung DOTS akzeptiert, werden es ein paar tausend mehr. Denn dann gibt es Geld aus dem Westen." Er selbst zweifelt allerdings am gewünschten Erfolg: "Methoden, die am grünen Tisch ausgesponnen wurden, berücksichtigen nie genügend die örtlichen Gegebenheiten."
Zum Beispiel diese: Wie sollen medizinische Helfer neue TB-Fälle identifizieren und Medikamente auf die Dörfer bringen, wenn es weder Ersatzteile für die alten Ladas noch Benzin gibt? Wie sollen Krankenschwestern in regionalen Zentren geschult werden, wenn sie nicht einmal das Geld für Busfahrkarten haben? Wie gelangen Patienten in ein 100 Kilometer entferntes Krankenhaus, wenn die Straßen verschneit oder von Schlammmassen verschüttet sind? Und wie bringt man Alkoholiker, Drogenabhängige, Obdachlose und Kriminelle dazu, regelmäßig zu einer bestimmten Zeit ihre Medikamente abzuholen?
Viele Patienten versuchen zudem, zu vermeiden, dass die Nachbarn von ihrer Krankheit erfahren. Denn gerade auf dem Land werden Tuberkulöse oft wie Aussätzige behandelt. Sie werden aus den Läden vertrieben, ihre Töchter finden keinen Ehemann, die Söhne zeugen angeblich behinderte Kinder.
Die Angst zieht über die dürren Höhenzüge von Shimkent. Was war mit dem Nachbarn zur Linken? Tot, obwohl er eine Unmenge Medizin geschluckt hat. Und die drei Alten aus der Hütte am Ortsrand? Gestorben, trotz monatelanger Behandlung im Krankenhaus. Jeder hier kennt mindestens einen, bei dem die Medikamente nichts genützt haben.
Auch die Helfer aus dem Westen konnten bisher nicht verhindern, dass sich die Multiresistenzen in Kasachstan ausbreiten. Die übelsten Brutstätten für die heimtückischen Bakterien sind die überfüllten Gefängnisse. Kasachstan hat - nach den USA und Russland - die dritthöchste Gefangenenrate der Welt. Fünfzehn und mehr Häftlinge drängen sich in feuchten, lichtlosen Zellen. Jeder Zehnte ist nach Schätzungen des "National TB-Institutes" tuberkulosekrank, jeder Zwanzigste davon in der multiresistenten Form. Zehntausende von Infizierten werden jährlich freigelassen und tragen die Krankheit ins Land.
Nicht einmal Hilfsorganisationen wie MSF können in ihren Projekten die teuren Ersatzpräparate ausgeben. Teilweise ruhen noch Patente auf ihnen, oder sie werden nur von einem einzigen Hersteller vertrieben.
Denn Tuberkulose ist für die Pharmakonzerne kein lohnendes Geschäft. Über 90 Prozent der Kranken leben in Entwicklungsländern und sind zu arm, um Medikamente zu regulären Marktpreisen zu kaufen. Und die vereinzelten Patienten in den Industrieländern schienen bislang keine großen Forschungsanstrengungen zu lohnen. Wer sich in der Wissenschaft einen Namen machen will, sollte sich anderen Gebieten zuwenden.
Wie vor 100 Jahren bei Robert Koch, dem Entdecker des Tuberkulosebakteriums, erfolgt die Diagnose bis heute standardmäßig mithilfe von Mikroskopie und Sputumkulturen. Seit zehn Jahren wurde kein neues Tuberkuloseantibiotikum mehr entwickelt, die alten werden nur von wenigen Firmen produziert, die mangels Konkurrenz die Preise diktieren können. In einer großen Kampagne setzen sich die Médecins Sans Frontières dafür ein, dass "neue Tuberlostatika zu einem bezahlbaren Preis auf den Markt kommen".
Doch Tuberkuloseforschung kostet Geld. Mindestens 350 Millionen Mark muss ein Unternehmen in Deutschland für die Entwicklung eines Medikamentes investieren, zwölf Jahre dauert es bis zur Marktreife. Solche Millioneninvestitionen rechnen sich für die Unternehmen fast nur noch für Medikamente gegen Wohlstandsleiden: gegen Herzerkrankungen und Stoffwechselstörungen, aber auch gegen Haarausfall und Impotenz. Eines der ertragreichsten Produkte der neunziger Jahre heißt Viagra.
An die Erforschung eines neuen Tuberkuloseimpfstoffes dagegen wollte sich in den letzten Jahren keine Pharmafirma machen. So werden in Deutschland die Menschen bereits seit 100 Jahren mit dem aus abgeschwächten Erregern der Rindertuberkulose hergestellten BCG geimpft. Das schützt allerdings nur Kleinkinder und die nur vor der seltenen Gehirntuberkulose. Erst seit kurzem versuchen Immunologen des Berliner Max-Planck-Instituts für Infektionskrankheiten, hinter die Schwachstellen des BCG-Serums zu kommen. In zehn Jahren, hoffen sie, könnte es einen wirkungsvollen Impfstoff geben.
Zu lange für Tursenay Alibirkowa und die Männer in Akshi. Zu lange für die Menschen in Shimkent, im Illy-Distrikt, zu lange für ganz Kasachstan. Der unsichtbare Teufel mag sich nicht einfangen lassen in diesem verarmten Land, nicht zurückziehen aus der Steppe, dem Altai, nicht weichen von der Hütte des Hiob. Tausende von Menschen werden demnächst an Tuberkulose sterben, Tausende sich mit resistenten Erregern infizieren. Und gegen das, was da bei einigen in der Lunge ausgebrütet wird, können selbst teure Reserveantibiotika nichts mehr ausrichten. "Und das", sagt Peter Metzger, "sollte verdammt noch mal Deutschland auch interessieren."
Je mehr sich die Lebensbedingungen in der ehemaligen Sowjetrepublik verschlechtern, desto mehr Bewohner entdecken ihre deutschen Wurzeln. 750 000 Deutschstämmige sind bereits in die Heimat ihrer Väter und Großväter ausgereist, 353 400 haben bei der letzten Volkszählung in Kasachstan als Nationalität "Deutsch" angekreuzt. Dabei können laut Statistik der deutschen Botschaft höchstens noch 250 000 im Land sein.
Wenn Valentina Dederer zur Arbeit fährt, sieht sie die Hoffnungsvollen, die sich vor dem düsteren Botschaftsgebäude in der Ulitza Furmanowa drängen, das sich die Bundesrepublik mit Franzosen und Engländern in Alma-Ata teilt. Valentina Dederer, eine elegante Mittvierzigerin mit lebhaften braunen Augen, ist Sozialarbeiterin und versorgt deutsche Dörfer mit Kartoffeln und Brot, Holz und Kohle. In Gedanken war die Tochter eines Deutschstämmigen bereits in Deutschland, als sie auf einem Kulturabend ihren Mann kennen lernte. Der Ausreiseantrag war gestellt, Eltern und Geschwister hatten bereits das Flugzeug gen Frankfurt bestiegen. Doch ihr Mann wollte nicht weg. Zu wichtig war ihm die Arbeit als Vorsitzender der "Deutschen Gemeinschaft". "Wir müssen die Lebensbedingungen für die Deutschen hier verbessern. Dann werden nicht mehr so viele gehen", hatte er ihr erklärt. Und so blieb auch Valentina. Den Aufnahmebescheid bewahrt sie seitdem auf wie eine Reliquie. "Er ist meine Lebensversicherung, wenn hier alles zusammenbricht."
Mit den Aussiedlern reist nicht selten die Tuberkulose nach Deutschland. In Übergangslagern und Wohnheimen werden die Neuankömmlinge zwar von einem Arzt befragt. Doch ein richtiger Gesundheitscheck mit Röntgenbild der Lunge, wie ihn jeder Staatsdiener über sich ergehen lassen muss, ist nicht üblich. Die Folge: Über 60 Prozent der Tuberkulosekranken werden frühestens nach einem Jahr identifiziert, manche nie. So haben die Bakterien ausreichend Gelegenheit, sich in den engen Übergangsheimen und später in den Wohnvierteln der Republik auszubreiten. Erst im kommenden Jahr, wenn das Infektionsschutzgesetz in Kraft tritt, sollen Tuberkulosetests Pflicht werden.
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Vergesst nicht Adornos Krawatte » In der Festung Dänemark » »Oft sind Lehrer zu ungeduldig« » Kranke, die die Behandlung verweigern, können heute schon per Gerichtsbeschluss in eine Spezialklinik im bayerischen Parsberg oder im westfälischen Bad Lippspringe zwangseingewiesen werden. Doch die Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe ist nicht nur als "Zwangsklinik" mit videoüberwachten Zimmern und verriegelten Fenstern bekannt. Dort gibt es auch eine der wenigen Spezialstationen für Patienten mit Multiresistenzen. Seit einigen Jahren sind die sechs Betten fast immer belegt.
Der Chefarzt Rolf Meister, ein ruhiger, besonnener Mann, freut sich nicht über die Auslastung. Im Gegenteil: "Ich habe Angst, dass unsere Medikamente schon bald zur stumpfen Waffe werden." Erst vor kurzem sei trotz aller Mühe ein junger Russe gestorben; bei einer Marathonläuferin, die eigentlich nur einen anderen Patienten besuchen wollte, habe die sofort begonnene Therapie monatelang nicht gewirkt. "Es war wohl ein Irrglaube, anzunehmen, dass man die Tuberkulose ausrotten könnte wie die Pocken", sagt der Chefarzt. "Aber wissen Sie, was ein noch größerer Irrtum war?" Er zögert ein paar Sekunden. "Zu glauben, dass Tuberkulose eine leicht heilbare Krankheit ist."
Wenn die biblische Geschichte des Hiob im Jahre 2000 neu geschrieben würde, es wäre keine moderne Heilsgeschichte, keine, die vom Sieg der Wissenschaften über Seuchen und Tod kündet. Nein, es wäre womöglich die Geschichte eines Kranken, dem Menschen nicht mehr helfen können.
11.3.06 13:42 verlinken / kommentieren _________________________________________________
II. brand eins
Der dritte Weg
Frauen in den Städten sind die Gewinnerinnen der Umbruchszeiten in China. Sie gründen Unternehmen, machen Karriere an den Universitäten und werden reich. Die Töchter der Kulturrevolution haben schneller gelernt als die Söhne.
Text: Merle Hilbk Foto: Jan Siefke
Intro
Die Professorin
----- Es war die Liebe, die die Pekinger Germanistikstudentin Xu Lan zurück in ein Leben zog, aus dem sie sich seit ihrer Schulzeit weggeträumt hatte. „Ich wollte nicht enden wie meine Eltern“, sagt sie. „Ständig auf Parteiversammlungen. Keine Zeit für Träume, keine Energie für eigene Gedanken.“ In Berlin neigte sich das Sommersemester dem Ende zu, die Linden dufteten nach Freiheit, und dann hörte sie Yin Shudong, den Mann, der sie vor ihrer Abreise geküsst hatte, durchs Telefon fragen: „Lenny, wann kommst du?“ Berlin. Das waren verzauberte Monate, in denen die 35-Jährige manchmal vergessen hatte, wer sie war: eine Besucherin auf Zeit, die staunend durch den kleinen Kosmos der Freien Universität wandelte, wo Professoren in ihren Vorlesungen Bob Dylan und Hannes Wader rezitierten, wo Studenten in großbürgerlichen Dahlemer Villen Haschisch rauchten und zum „gewaltfreien Widerstand“ aufriefen; eine bildungsbeflissene Stipendiatin, die von ihrem Vater, einem Ingenieur, in dessem Kombinat Heidelberger Druckmaschinen ratterten, zum Deutschlernen ermuntert worden war: „Deutsch ist die Zukunft“, hatte er gesagt, als sie sich zur Universitäts-Aufnahmeprüfung in China anmeldete. „Deutschland ist das Land der Technik und der Qualität.“ Erst waren es nur die Worte, der Klang gereimter Silben, Goethe, Schiller, die sie für die Sprache einnahmen. Eichendorff: „Es war, als hätt der Himmel/ die Erde still geküsst/ dass sie im Blütenschimmer/ nur von ihm träumen müsst.“ Dann, als DAAD-Stipendiatin in Berlin, sah sie die baumbestandenen Alleen in Tegel, die frisch renovierten Jugendstil-Fassaden in Wilmersdorf, die Punks und die Freaks, die in Kreuzberger Straßencafés in der Sonne träumten, hörte Beethoven-Symphonien in der Philharmonie, Liedermacher in den Studentenkneipen, und die Buntheit, der bürgerliche Wohlstand, die freundliche Selbstvergessenheit des Achtziger-Jahre-Deutschlands sickerten in ihr Herz. „Deutschland“ wurde zu einer Metapher für ein anderes Leben. „Einfach bleiben“, dachte sie. Und sehnte sich doch nach Yin Shudong, einem schweigsamen dünnen Juristen, der seine Universitätskarriere in Peking nicht aufgeben wollte. Ende der achtziger Jahre kehrte eine Xu Lan in die chinesische Hauptstadt zurück, die sich vor dem Leben fürchtete, das sie dort erwartete. Doch das Leben war ein anderes geworden. Die Sucht nach Fortschritt hatte das Land ergriffen und den Alltag ins Wanken gebracht. Staatsbetriebe wurden privatisiert, die alten Plattenbau-Werkssiedlungen ersetzt durch Apartmentblocks und Bürotürme, die ihre Glasfassaden in den kohlenmonoxidgeschwärzten Himmel recken. Eine junge Elite, marktwirtschaftlich geschult und risikobereit, entdeckte die Tugenden der neuen Wirtschaft: Wohlstand, Individualismus und Erfolg. Die Wirtschaft drehte das Rad der Veränderungen, und die, die nicht an Veränderungen gewöhnt waren, taumelten schwindelig und verwirrt durch die neue Zeit. Xu Lan fand sich mühelos ein in dem sich wandelnden China. Frisch verheiratet nahm sie Anfang der neunziger Jahre einen Dozentenjob an der Universität an, an der auch ihr Mann lehrte, und bastelte an ihrer eigenen Professorenkarriere. Sie lernte, die Vorteile, die ihr das System bot, geschickt zu nutzen: die einst von Mao institutionalisierte Gleichstellung von Frauen im Berufsleben, die gleichen Ausbildungs- und Jobchancen selbst für Positionen, die im Westen immer noch als männliche Domäne angesehen werden – Ingenieurin, Chefärztin und eben auch Professorin. Dazu das Netz von Kinderbetreuungseinrichtungen, von Säuglingskrippen, internatsähnlichen Kindergärten, in denen der Nachwuchs die ganze Woche verbringt, von Ganztagsschulen und Wochenendkursen, ein Netz, das es ihr, inzwischen Mutter eines achtjährigen Sohnes, ermöglichte, Kind und Karriere mühelos zu vereinbaren. Und sie lernte, die Nachteile zu kompensieren. Als sie sich von ihrem Job an der mit Arbeitskräften reichlich ausgestatteten Universität nicht ausgelastet fühlte, begann sie ein Jurastudium und baute ein Institut für deutsche Rechtsliteratur mit auf. Ihr karges Gehalt von 1000 Yuan (360 Mark) besserte sie mit der Übersetzung deutscher Bücher über Rechtsphilosophie auf; kleine geistige Fluchten in eine andere, von der staatlichen Kontrolle freie Gedankenwelt. Als sie sich nach Deutschland zurück sehnte, aber kein Geld für die teure Reise hatte, organisierte sie in Peking eine Wissenschaftskonferenz mit deutschen Rechtsprofessoren – und freute sich über die Gegeneinladungen nach Bonn und Freiburg. Als sie kurz nach ihrem 35. Geburtstag merkte, dass sie der Alltag zwischen Hausarbeit, Universität und Nebenjobs aufzufressen begann, setzte sie sich nach dem Abendessen neben ihren Mann aufs Sofa und fragte sanft: „Yin Shudong, könntest du dir vorstellen, dich ein Jahr allein um den Kleinen zu kümmern? Ich möchte noch einmal in Deutschland studieren.“ „Die Lenny geht ihren eigenen Weg“, raunt ein chinesischer Kollege bewundernd. „Xu Lan scheint sich in der Gegenwart Chinas besser zurechtzufinden als die meisten männlichen Akademiker“, sagt ein deutscher Professor erstaunt. Was Xu Lans Berufskollegen noch als außergewöhnlich auffällt, ist für Sozialwissenschaftler und Wirtschaftsvertreter in China bereits zur alltäglichen Beobachtung geworden: Frauen sind die Gewinnerinnen der Umbruchszeit. Studentinnen haben im Durchschnitt die besseren Studiennoten, sind bei der Vergabe von Auslandsstipendien vorn und meist auch bei der Bewerbung um einen Job bei einem Joint-Venture-Unternehmen. In der Ehe sind es fast immer die Frauen, die über die Verwendung des Haushaltseinkommens entscheiden. Des doppelten, wohlgemerkt: Rund 90 Prozent der Frauen zwischen 20 und 65 sind berufstätig. Und sie arbeiten nicht nur in staatlichen Betrieben und Instituten – kaum eine Organisation ist momentan so gefragt wie der Unternehmerinnenverband. Das sagen die Statistiken. Gut ausgebildete Frauen in den Städten haben männlichen Mitstreitern oft einige Qualitäten voraus. Das sagt der Unternehmerinnenverband. Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten in China unbewusst ein paar Vorzüge erworben, die ihnen nun Vorteile verschaffen. Das sagten Teilnehmerinnen einer Frauenkonferenz in Peking. Welches diese Qualitäten und Vorzüge sein sollen, darüber sagt das dürre Zahlenwerk der Statistik, die schöngeschliffenen Formulierungen der Wissenschaftlerinnen wenig. Wer verstehen will, was die Frauen nach vorn gebracht hat, muss die Verbandsbüros und Expertenzirkel verlassen und sich in die Dot.com-Büros, Design-Ateliers, Konzernzentralen und Zeitungsredaktionen begeben. Muss den Gewinnerinnen der neuen Zeit zuhören; Zhang Mingming beispielsweise, Wang Xiaolin und Naifeng Wu. Und sich mit Huang Qing unterhalten.
Die Chefredakteurin
Huang Qing ist stellvertretende Chefredakteurin von »China Daily«, der größten englischsprachigen Tageszeitung Chinas, und spricht ein Englisch, das manchem Harvard-Absolventen zur Ehre gereichen würde. „Fremdsprachen waren bei uns lange eine weibliche Domäne“, sagt die resolute 50-Jährige und deutet auf die braune Kunstholz-Schrankwand, in der Grammatikbücher, Lexika und englische Romane einträchtig neben dickleibigen Wälzern mit Hammer- und Sichelaufdruck stehen. „Mit Fremdsprachen konnte man keine besondere Karriere machen. Deswegen haben Männer lieber Jura oder etwas Technisches studiert.“ Das ist heute anders: Wer fließend Englisch spricht, darf auf einen Job in den Medien hoffen, bei einem Joint-Venture-Unternehmen oder bei einer der jungen Computerfirmen. Wer fließend Englisch spricht, darf auf ein Gehalt hoffen, das vier-, fünfmal so hoch ist wie die staatlichen Akademiker-Gehälter. Wer heute auf Arbeitssuche ist und nicht fließend Englisch spricht, muss über jeden Job froh sein, den er angeboten bekommt. Viele Männer über 30 sprechen kaum Englisch. Als Huang Qing in den siebziger Jahren in ihrer Heimatstadt Schanghai Englisch studierte, tat sie das ohne besondere Karriereambitionen. „Englisch, das klang einfach nach Abenteuer, nach weiter Welt.“ Doch die Welt lernte sie zunächst nur aus Büchern kennen: aus dem Lesebuch mit den Big-Ben- und Wolkenkratzer-Zeichnungen, aus den Hemingway-Romanen und den Tom-Sawyer-Büchern. Ein Auslandsaufenthalt für eine ganz normale Studentin – das war im China der Kulturrevolution (1966–76) undenkbar. Nach dem Examen geschah das, was in China damals üblich war: Der Staat bot ihr eine Stelle an. Besser gesagt – die staatliche Universität, an der sie studiert hatte. Englischlehrerin, für weniger als 1000 Yuan im Monat. Die 23-Jährige nahm an, ohne darüber nachzudenken. „Man akzeptierte, was einem zugeteilt wurde. Private Arbeitgeber und einen Stellenmarkt wie im Westen gab es ja nicht.“ Mit 28 Jahren heiratete sie, aus Liebe und weil es „moralisch undenkbar war, mit seinem Freund einfach so zusammenzuleben“. Als ihr Mann nach Peking versetzt wurde, folgte sie ihm. Und stand plötzlich ohne Job da, in einer fremden Stadt. Es war nicht allein das Geld, das ihr fehlte. Es war auch das Ansehen. Hausfrauen hatten im kommunistischen China nicht viel zu melden. Seitdem Mao den Frauen die „Hälfte des Himmels“ versprochen und ihnen gleiche Berufschancen zugebilligt hatte, galt es als eine gesellschaftliche Verpflichtung, diese Chancen auch wahrzunehmen. „Seit den Zeiten der Volksrepublik ist nicht mehr Sanftheit und Mütterlichkeit das Ideal“, erklärt die 50-Jährige. „Was zählt, ist die heroische Tat.“ Huang Qing, inzwischen Mutter eines 21-jährigen Sohnes, ist keine mütterliche Person. Eher das, was die Amerikaner als „bossy“ bezeichnen: tonangebend oder negativ ausgedrückt: herrschsüchtig. In Schanghai, im Einflussbereich ihres Elternhauses, gab sie sich bescheiden und zurückhaltend, wie das von einer Tochter erwartet wurde. In Peking richtet sie sich kerzengerade hinter ihrem mit chinesischen Wimpeln, Nippesfigürchen und Papierstapeln überladenen Schreibtisch auf und sagt ungefragt: „Mir war schon immer klar, dass ich Führungsqualitäten habe.“ Der Schreibtisch ist ein Schleiflack-Monstrum mit gigantischen Schubladenschränken. Je mehr Schubladen ein Schreibtisch hat, desto höher steht sein Besitzer in der Firmenhierarchie. So will es die chinesische Schubladenhierarchie. Dass Huang Qing heute hinter diesem Schreibtisch sitzt, hat sie nicht allein ihren Führungsqualitäten zu verdanken. Auch nicht ihrer zupackenden Art, ihrem Selbstbewusstsein und Organisationstalent. Nicht einmal der Partei, der sie ein treues Mitglied ist. Dass Huang Qing hinter diesem Schreibtisch im Obergeschoss des frisch getünchten »China Daily«-Gebäude thront, hoch über den maroden Flachdachbauten, in denen die jungen männlichen Angestellten der Zeitung hausen, über dem Sandplatz, auf dem die Fassadenmaler und Bauarbeiter auf Reisstrohmatten dösen, in einem klimaanlagengekühlten Zimmer, so groß, dass eine dreiköpfige Familie darin bequem wohnen könnte, das liegt in erster Linie daran, dass sie ein wunderbares, geschliffenes Englisch sprechen konnte zu einer Zeit, als sich das Reich der Mitte dem Ausland öffnete und die Partei ein großes Interesse daran hatte, das Chinabild der vielen des Chinesischen nicht mächtigen in Peking lebenden Ausländer zurechtzurücken, die in Scharen in die Hauptstadt einfielen. Als sie Ende 1980 auf Jobsuche durch die Schulen zog, erzählte ihr ein Lehrer von einem Projekt, das ein paar Journalisten der staatlichen Nachrichtenagentur „Xinhua“ planten: der Gründung einer englischsprachigen Tageszeitung. „Ich habe von Journalismus keine Ahnung“, sagte Huang Quing. Eine Woche später hatte sie eine Reporterstelle bei »China Daily«. Sie war die Jüngste und Schnellste, sie bekam Interviews, die andere nicht bekamen, hatte Themen-Ideen und verstand, sich ohne lautstarken Widerspruch gegen die alten Männer hinter den Schreibmaschinen durchzusetzen. Sie fuhr zu Journalistenkursen nach Deutschland und Amerika, verbrachte ein halbes Jahr an der Universität in Michigan – und wurde befördert. Von der Trainee-Reporterin zur Feature-Redakteurin, von der leitenden Redakteurin des Bildungs-Ressorts zur stellvertretenden Chefredakteurin. Eine glatte, schnelle Karriere, scheinbar ohne Widerstände. Frau Huang, was haben Sie am Tag des Tiananmen-Aufstands geschrieben? Das Telefon klingelt, ihr Handy piepst, die Sekretärin klopft an die Tür. „Ihre Termine, Frau Huang!“ „Als Journalist kann bei uns nur der Erfolg haben, der mit einer Schere im Kopf lebt“, sagt einer der älteren Zeitungsmitarbeiter. Leise sagt er das, beim dritten Bier nach Feierabend. Huang Qing trinkt nicht. „Das westliche Verständnis von Journalismus lässt sich nicht auf China übertragen“, erklärt sie mit einem nachsichtigen Lächeln. „Das Leben hier ist schwer genug. Journalisten sollten die Leser nicht noch entmutigen.“ Konflikte, Brüche, innere Widerstände. Wenn sie diese je in ihrem Leben verspürt haben mag – Huang Qing redet nicht darüber. Lieber erzählt sie davon, dass sie und ihr Mann sich die Hausarbeit wie selbstverständlich teilen. Dass sie nie über Emanzipation diskutieren musste. „Man muss aus den Möglichkeiten, die einem das Leben bietet, das Beste machen.“ Dann klopft schon wieder die Sekretärin.
Die Konzernchefin
Wenn die Partei sich für ihr Mitglied Naifeng Wu einen Ehrentitel ausdenken müsste, dann wäre es wohl dieser: „Heldin des Kapitalismus“. Denn die 48-Jährige ist nicht nur Vizepräsidentin eines der größten privaten Pharmakonzerne Nordchinas. Sie hat es auch geschafft, im Ausland einen gewaltigen Markt für ein Produkt zu erobern, das bisher fast nur in China Absatz fand: Traditionelle Chinesische Medizin. Bis an den Persischen Golf verkauft die Tasly Gruppe heute ihre Kräuterpillen, Ginsengpülverchen und Pflanzentinkturen, die in einer Hightech-Produktionsstraße in der Industriestadt Tianjing vom Band laufen. Und die Abhilfe versprechen gegen alle klassischen Zivilisationsleiden: Bluthochdruck, Arterienverkalkung, Grippe, Gicht und sogar gegen Herzerkrankungen. Seit der Gründung 1994 hat Tasly seinen Umsatz verdreißigfacht. Im vergangenen Jahr waren es 520 Millionen Yuan, fast 140 Millionen Mark, die in den Bilanzberichten standen. Begeistert doziert Naifeng Wu über Growth Rates, Market Share und den Break-even-Point, so, als sei sie mit Adam Smith und John Maynard Keynes großgeworden. Und nicht mit Mao und dem Militär. Als die 16-Jährige 1969 in Xian die Mittelschule beendete, hatte sie die Losungen noch im Ohr, die ihnen die Lehrerin zu Beginn der Kulturrevolution eingetrichtert hatte: „Seid stolze Chinesen! Seid Helden, die für ein neues China kämpfen!“ Naifeng Wu, die des Morgens stolz den Atem anhielt, wenn auf dem Schulhof die chinesische Flagge hochgezogen wurde, nahm die Losungen wörtlich. An einem Sommertag, als die anderen zum Arbeitseinsatz aufs Land zogen, meldete sie sich bei der „People’s Liberation Army“. Die Armee wurde zu ihrem Leben. Sie organisierte ihre Karriere und ihr Privatleben, kümmerte sich um Wohnung, Essen und Kinderbetreuung. Sie brachte ihr bei, wie man ein Sturmgewehr entsichert und weiterrennt, auch wenn man nicht mehr kann. Sie richtete ihre Hochzeit aus mit Xijun Yan, einem Kollegen, und brachte ihren 1982 geborenen Sohn wochentags in einem Internat unter. Sie schickte sie zum Pharmaziestudium nach Schanghai und Anfang der neunziger Jahre nach Tianjin, um dort eine Pharmafirma des Militärs mit aufzubauen. Dann erließ die Partei plötzlich ein Gesetz, dass dem Militär „jegliche kommerzielle Tätigkeit“ verbietet. „Widmen Sie sich neuen Aufgaben“, sagte man der Soldatin Naifeng Wu. Das Gesetz war Teil eines Plans: der Privatisierung von Staatsbetrieben. Und der Plan Teil eines seltsamen Experiments, das die Partei 1976 im Reich der Mitte gestartet hatte: der Vereinigung von Kommunismus und Marktwirtschaft. Nach dem Ende der Kulturrevolution fürchtete die KP, ihre Macht zu verlieren. Mit kommunistischer Theorie sei momentan niemand zu erreichen, verkündete Deng Xiaoping, der neue Parteichef, seinen Kadern. Die Menschen seien von materiellen Sorgen bedrängt, und das Einzige, was ihnen den Glauben an das System zurückgeben könne, sei wirtschaftlicher Aufschwung. Dann entwarf er ein System, für das Historiker im Westen noch immer keinen treffenden Namen gefunden haben und das manche in China den „Dritten Weg“ nennen. Der bedeutete schlicht: Machtzuwachs für die Partei. Und für die Chinesen: wirtschaftliche Liberalisierung unter Festigung der politischen Kontrolle. Eine Umwertung aller Werte, wie im Leben von Naifeng Wu. Nach 30 Jahren in Uniform gab es in ihrem Leben nichts mehr, was nicht mit der Armee zu tun hatte: nicht der Job, nicht die Wohnung, die ihr ihre Einheit in Tianjin gekauft hatte, nicht die Freunde. Dann verbannte das Gesetz die Armee aus ihrem Leben. „Frauen haben einen Vorteil und wir Töchter der Kulturrevolution ganz besonders“, sagt sie ohne die geringste Spur von Selbstmitleid. „Wir sind von klein auf darauf trainiert, uns schnell auf neue Situationen einzulassen.“ Naifeng Wu ließ sich ein. Als die Armee die Fabrik in Tianjin verkaufte, trug sie bereits ein Geschäftskostüm und hatte zwei Betriebswirtschaftslehrgänge in den Niederlanden absolviert. Ihr Mann besorgte einen Bankkredit und vier Partner, im Frühling 1998 ließen sie die Firmenanteile auf ihren Namen umschreiben. Sie kauften ein 240000 Quadratmeter großes Grundstück am Rand der Fünf-Millionen-Stadt, bauten fünf neue Produktionsstraßen und gründeten zwölf Tochtergesellschaften mit 1700 Mitarbeitern. Innerhalb von drei Jahren wurde aus der strammen Kommunistin Naifeng Wu eine Musterkapitalistin, die ihre ganze Energie auf die Expansion von Tasly konzentriert. Ein schmerzloser Übergang, Naifeng Wu? Sie sei glücklich über die Chancen, die ihr die neue Zeit biete, sagt sie mit fester Stimme; glücklich, selbst entscheiden und allein aus eigener Kraft etwas schaffen zu können. Ja, sie genieße den neuen Wohlstand, den Audi, den importierten Rotwein, die Flüge in der Business Class. Sie zeigt auf ein Firmenfoto, auf dem sie strahlend im Chanel-Kostüm posiert. Es ist das Foto eines großen Empfangs, mit Ehrengästen und bunten Luftballons. Auf dem Foto ist auch Xijun Yan zu sehen, ihr Mann, der verquält in die Kamera lächelt. Xijun Yan trägt noch immer seine Armeeuniform.
Die Modedesignerin
Wang Xiaolin hat etwas geschafft, was im China des 21. Jahrhunderts eine absolute Ausnahme ist. Sie hat es ohne Studienabschluss nach oben gebracht. Ist berühmt geworden, ohne eine Universität besucht zu haben, und reich, ohne Beziehungen zu haben. Nicht einmal Mitglied der Partei musste sie werden, um den Traum wahr zu machen, den heute viele Mädchen in den Großstädten träumen: eine erfolgreiche Modedesignerin zu sein. Mit 18 Jahren dachte sie, dass ihr Lebensweg vorgezeichnet sei. „Ich muss wohl Arbeiterin werden“, sagte sie zu ihren Eltern. Das war 1982, in dem Monat, der unter Schülern in China nur der „Schwarze Juli“ heißt. Denn im Juli finden im ganzen Land die Universitäts-Aufnahmeprüfungen statt. Wer da durchfällt, hat kaum Chancen auf eine gut bezahlte Stelle. Wer durchfällt, muss Fahrräder reparieren oder Steine schleppen, muss Reis, das Nahrungsmittel der armen Leute, essen und sich fügen. Wer durchfällt, genießt wenig Achtung im kommunistischen China. Fünf Jahre hatte sich Wang Xiaolin auf die Prüfung vorbereitet, hatte bis nachts marxistische Geschichte gebüffelt, Mathematik, Geografie. Englisch wollte sie studieren, wollte Dolmetscherin werden, um der Enge des Elternhauses in Shenjang zu entfliehen; dem autoritären Soldaten-Vater, der depressiven Mutter und der chronisch kranken Schwester. Am Ende trennten sie zwei Punkte von einem Studienplatz. Sie blieb zu Hause wohnen und suchte sich einen Job in einer Baubrigade. Dort blieb sie Außenseiterin. Ihre Kolleginnen kamen vom Land, hatten nie eine höhere Schule besucht und verstanden nicht, wenn sie von Büchern schwärmte, von der glitzernden Welt aus den Romanen. „Mädchen, sieh erst mal zu, dass du einen Mann kriegst“, sagten sie zu ihr. Wang Xiaolin hatte viele Männer, aber keinen, der ihre Träume teilen wollte. „Ich habe mich nie nach einem Mann gesehnt, der mein Leben regelt“, sagt Wang Xiaolin mit ihrer rauchigen Stimme. „Ich wusste immer, dass ich genug eigene Stärke hatte. Männer sind nur da zum Liebe machen.“ Das ist ein Satz, der in Deutschland nach bravem Frauenbeauftragten-Feminismus klingen würde. In China ist er ein gewagter Tabubruch. Denn bei aller beruflichen Chancengleichheit: Wer sich als Frau in China nicht bescheiden und sittsam gibt, wer nicht zumindest nach außen hin den Anschein wahrt, dass es die Männer sind, die die Entscheidungen treffen, der gilt schnell als nicht gesellschaftsfähig. Als unmoralisch. Vielleicht auch ein bisschen als unheimlich. „Chinesische Männer sind Machos“, schimpft Wang Xiaolin, „denen steckt noch der Konfuzianismus in den Knochen.“ Diese von dem Philosophen Konfuzius um 500 vor Christus erschaffene Gesellschaftslehre, die später zur Staatsdoktrin erhoben wurde. Nach der sich jeder einer klar vorgegebenen Rangordnung unterzuordnen hatte. Der Schüler dem Lehrer, die Kinder den Eltern, die Jungen den Alten. Und die Frauen den Männern. Wang Xiaolin hatte Schwierigkeiten mit der Unterordnung. Vielleicht waren es die Bücher, vielleicht der allzu strenge Vater, vielleicht der buddhistische Glaube, dem sie zu Hause in der Leoning-Provinz treu geblieben war. Sie kann nicht beschreiben, was es war, das sie aufbrachte gegen die alte maoistische Losung, die ihr überall auf den Transparenten entgegenleuchtete: „Da gong wu si! Für die große Gemeinschaft, gegen die individuellen Interessen!“ Jedenfalls beschloss sie, nur noch das zu tun, „was mir persönlich gut tut, und sich von niemandem beeinflussen zu lassen“. Das Leben, das die 20-Jährige von nun an führte, würden Soziologen im Westen als „Bastelbiografie“ loben. In Shenjang nannten sie es „haltlos“. Sie warf den Job auf der Baustelle hin und eröffnete ein Straßenrestaurant, indem sie Koch war, Bedienung und Spülhilfe. Irgendwann hatte sie ein bisschen Geld gespart, um in einer Baracke ein winziges Modegeschäft zu eröffnen. Die Mode war anfangs nur Mittel zum Zweck. Sie wollte reisen, die Kleidermärkte und kleinen Schneidereien, in denen die westlichen Marken kopiert wurden, waren im Süden. Drei Tagesreisen von Shenjang entfernt. Doch die Hosen und T-Shirts, die sie im Laden verkaufte, gefielen ihr nicht. Schlechte Qualität, zu amerikanisch, zu wenig individuell. „Warum gibt es keine chinesische Mode?“, fragte sie. „Chinesische Mode ist altbacken, die will niemand mehr“, antwortete ein Schneider. Am Nachmittag sah sie eine Frau in einer Jeansjacke und hatte plötzlich ein Bild im Kopf: die Jacke, mit traditionellen Knoten-Knöpfen und Seidenapplikationen … Während ihr Vater den Laden führte, besuchte sie einen Schneiderkurs in Peking. Die Knotenknopf-Jacke, ihren Abschluss-Entwurf, stellte sie in einem kleinen Laden an der Nobelmeile der Hauptstadt, der Wangfujing-Straße aus. Dutzende von Kunden erkundigten sich nach dem Designer. „Da wusste ich auf einmal, das ich etwas Besonderes konnte“, sagt Wang Xiaolin. Dieses Gefühl gab ihr einen solchen Auftrieb, dass sie zum ersten Mal seit Jahren von der Zukunft träumte. Sie entwarf ihre erste Kollektion, ergatterte einen kleinen Bankkredit und ließ ihr eigenes Kleider-Label registrieren: „Mu Zhen Liao“ („Holz/wahr/etwas zu Ende bringen“). Das sind Worte, die scheinbar nicht zusammenpassen, wie die Bruchstücke der Biografie der Wang Xiaolin. Und die sich doch für den, der ihre Bedeutung kennt, zu einem logischen Ganzen zusammenfügen. Zu einer Erfolgsgeschichte, wie sie erst die neue Wirtschaft in China schreiben kann, in der Ideen, Individualismus und Spontaneität plötzlich zu geschätzten Qualitäten werden. Die Diplomatengattinnen waren die Ersten, die 1996 Wang Xiaolins moderne Seidenkostüme entdeckten. Dann kamen die Dollarkundinnen aus den Joint Ventures, die chinesischen Models und Filmschauspielerinnen. Gong Li, die berühmteste von ihnen, wurde in einer flammendroten Wang-Robe zum Star der Berlinale. Wang Xiaolin hat alles, was eine gute Unternehmerin ausmacht. Auf der Baustelle hatte sie exaktes, diszipliniertes Arbeiten gelernt, auf den Märkten das Handeln, in Peking das Zeichnen und Schneidern und in Shenjang das Verkaufen. „Mu Zhen Liao“ wuchs und wuchs. 300 Mitarbeiterinnen arbeiten heute in der eigenen Fabrik, 30 Geschäfte in China vertreiben die Pekinger Marke, im nächsten Jahr soll es nach Europa gehen. Wang Xiaolin kommt nur noch unregelmäßig ins Büro. Lieber zieht sie sich in ihr neues Atelier zum Malen zurück. Das hat sie sich von einem Teil ihres Gewinnes gekauft. Den Rest hat sie verschenkt. „Geld ist nur Mittel zur Freiheit“, sagt sie. Manchmal übernachtet dort ihr Freund, ein Maler, fünf Jahre jünger als sie. Kinder wollen sie nicht. Wang Xiaolin ist zu beschäftigt. Sie muss lernen, für die Uni-Aufnahmeprüfung. Sie will Kunst studieren.
Die Dot.com-Gründerin
Dot.com. Das ist ein Kürzel, das im Westen gleichbedeutend ist mit enttäuschten Erwartungen. Für Zhang Mingming klingt Dot.com nach Hoffnung. „Das Internet ist eine Freiheitsmaschine“, sagt die 36-jährige Pekingerin. „Es wird unsere Gesellschaft von alten Zwängen und Tabus befreien.“ Als Zhang Mingming vor einem Jahr mit ihrer Frauen-Website Eliren.com ans Netz ging, feierten Wirtschaftsexperten das als Sensation. Denn bis dahin waren Röcke, Lippenstifte und Monatsbinden in China die einzigen speziell aufs weibliche Geschlecht zugeschnittenen Produkte. Und im Internet tummelten sich fast ausschließlich Männer. Natürlich war die Website ein Marketing-Schachzug von Zhang Mingming, die 1998 in den USA Betriebswirtschaft studiert und sich von der Internet-Euphorie hatte anstecken lassen. Natürlich preist sie Eliren in einer Firmenbroschüre als Medium für „Werbung und Direktmarketing gezielt für weibliche Segmente“. Und natürlich wollte sie mit ihrer Firma reich werden, so wie ihre Vorbilder im Silicon Valley. Aber wirklich wichtig war Zhang Mingming vor allem eins: „Freiräume für Frauen zu schaffen, die sie sonst nirgends finden“. In der chinesischen Gesellschaft gibt es drei große Tabus: Sex, Gewalt und Politik. Staatliche Aufpasser wachen in den Zeitungen und Rundfunkstationen darüber, dass kein Beitrag über Geschlechtsverkehr und Verhütung, kein Bericht über Prostituierte, schwangere Teenager oder gewalttätige Ehemänner auftaucht. In den Wohnquartieren wacht die Danwei über die Einhaltung der gesellschaftlichen Spielregeln. Die Danwei ist eine brigadeähnliche Einheit, der fast jeder Mitarbeiter eines staatlichen Betriebes angehört und die das Leben bis ins Schlafzimmer regiert. Sie weist untreue Eheleute zurecht, blockiert Scheidungen und zwingt Frauen, die sich nicht an die Ein-Kind-Regelung halten wollen, zur Abtreibung. „Wo bitte“, fragt Zhang Mingming, „sollen sich Frauen über ihre Sorgen und Probleme austauschen?“ Wo, wenn nicht in der Anonymität des Internets? Wo, wenn nicht in den Chatforen von Eliren? „Auf einer Website kann man sich einfach mehr erlauben“, erklärt ein Dozent einer Journalisten-Uni, der lieber anonym bleiben möchte. „Die Wachhunde da oben wissen genau: Blockieren sie den Zugang über einen Provider, ist die Site morgen schon über einen anderen zu erreichen.“ Eliren erlaubt sich einiges: In Ratgeberspalten erklären Experten, wie Kondome und Pille benutzt werden; in Mode-Rubriken verwandeln sich Mädchen in rotzige Girlies und lüsternde Vamps, und in einem interaktiven Spiel werden Männer zu Sklaven, die ihren Herrinnen zu Gefallen sein müssen. Schwierigkeiten hatten Zhang Mingming und ihre 40 Angestellten, die in einem pastellfarbenen Büro im Pekinger World Trade Center werkeln, nur ein einziges Mal: als die Frauen ihre virtuellen Sklaven verhungern ließen. Da warnten Psychologen in den Staatszeitungen vor dem „verderblichen Einfluss“ der Website auf „die Moral der Jugend“. Danach brach bei Eliren der Server vor Überlastung zusammen, und Zhang Mingming freute sich: „Das war eine fantastische Werbung für die Firma.“ Gegen die Partei wollte sie sich eigentlich nie auflehnen. Die Partei war der ehemaligen Filmschauspielerin schlicht egal. Im Kino baute sie sich ihr eigenes Reich. Nach 20 Filmen fragte sie niemand mehr, warum sie so tiefe Dekolletees trug und nicht heiraten wollte. Wer auf der Leinwand Prinzessinnen und Geliebte verkörperte, den konnten sich die Nachbarn ohnehin nicht als bescheidene Ehefrau vorstellen. In den achtziger Jahren, als in den chinesischen Kinos die ersten amerikanischen Filme liefen, träumte Zhang Mingming von einer Hollywood-Karriere. Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten war das Rollenangebot gering für eine, die Englisch mit Akzent sprach und sich weder in das Bild der anschmiegsamen Kindfrau noch der American Beauty einfügte. Dafür entdeckte sie eine Welt, die ihr ebenso glamourös und aufregend erschien: die der New Economy. Aus der Schauspielerin Zhang Mingming wurde eine begeisterte Ökonomin. Sie bewarb sich am Massachusetts Institute of Technology und brach 1998 mit dem „Master of Business Administration“ gen Heimat auf. Es waren nicht Heimweh oder Patriotismus, die sie nach China zurückzogen. Sondern Kalkulation: „Kaum ein Land hatte solche Wachstumsraten aufzuweisen.“ In Peking wurde sie rasch aufgenommen in die Zirkel der neuen Elite; in die kleine Gemeinschaft der jungen Kapitalisten, die die staatlich zugewiesenen Apartments gegen Eigentumswohnungen eingetauscht hatte und die Danweis gegen Unternehmer-Netzwerke. In der es gut war aufzufallen, sei es nun mit einer neuen Geschäftsidee oder mit pinkfarbenen Stilettos, wie Zhang Mingming sie trägt. Und in der es ein Vorteil ist, eine Frau zu sein. „Wir kennen das Lebensgefühl weiblicher Konsumentinnen besser“, meint die Eliren-Chefin. Und: „Wir wissen genau, wer wir sind.“ Wer sind Sie, Zhang Mingming? Wer sind Ihre Genossinnen Xu Lan, Wang Xiaolin, Naifeng Wu, Huang Qing? Wenn Deng Xiaoping, der Wirtschaftsreformer und Erfinder des dritten Weges, wenn die alten und neuen Herren der kommunistischen Volksrepublik China die Antwort der jungen Unternehmerin hören könnten – sie würden wahrscheinlich Zweifel an ihrem Experiment bekommen. „Wir sind die Bourgeoisie“, sagt Zhang Mingming und lächelt. -----|
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